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Medienübergreifendes Publizieren im Sprachkanal ? Interview mit Sören Stamer, CoreMedia

Vor dem Hintergrund vieler verfügbarer Kundenkontaktkanäle interessieren sich immer mehr Unternehmen für medienübergreifendes Publizieren. Wir sprachen mit Sören Stamer, CEO und Co-Founder von Coremedia, über die Bedeutung des medienübegreifenden Publizierens für den Sprachkanal.

VOICE COMMUNITY: Content-Management-Systeme, wie sie Coremedia heute anbieten, erlauben das Publizieren der darin enthaltenen Informationen über alle Kanäle, den Sprachkanal inbegriffen?

SÖREN STAMER: Genau. Sie fangen an z.B. mit einer Web-Site, machen dann einen Print-Kanal auf, und entscheiden sich irgendwann für einen mobilen Kanal. Das beginnt mit einer kleinen WAP-Page, wo ein paar Neuheiten enthalten sind, mit einfachen SMS-Services, die einmal am Tag oder regelmäßig versendet werden, und irgendwann können Sie auch sagen: ?Ich möchte jetzt noch ein Voice-Portal haben, wo Nachrichten abgerufen und vorgelesen werden können oder wo ich auch Interaktionen starten kann, z.B. Suchen oder Buchungen von Informationen.

VOICE COMMUNITY: Haben Sie dafür konkrete Fälle, in denen das schon gemacht wird?

SÖREN STAMER: Einer unserer größten Kunden ist T-Online, die Telekom. Die Telekom nutzt die Coremedia-Plattform, ein zentrales System für alle Webseiten, die Sie bei T-Online nutzen können, d.h. von Business-Seiten bis zum Erotik-Channel, hin zu mobilen Portalen. Aus dem gleichen System werden auch Inhalte für mobile Portale generiert, wie TV-Portale, d.h. auch Video-on-Demand, und EPGs für Settop-Boxen, und sie können sogar Nachrichten für Dritte lizenzieren, sie also von E-Plus, Vodafone usw. weiterverarbeiten lassen.

VOICE COMMUNITY: Welche Rolle spielen denn Sprachportale dabei? Welche Geschäftsmodelle entwickeln sich da für Sprachportale?

SÖREN STAMER: Wir sehen gegenwärtig den Treiber für Sprachportale in der Barrierefreiheit. Denn Mobilität ist mittlerweile gelernt. Ein Handy bei sich zu haben, ist mittlerweile auch gelernt, wir haben mittlerweile über 100% Abdeckung in Deutschland, im Prinzip mehr Handys als Menschen. Nur mit diesen interaktiven mobilen Diensten zu arbeiten, die per Texteingabe funktionieren, das ist doch noch zu eingeschränkt. Da scheint eine relativ hohe Hürde zu bestehen. Die Schnittstelle, die wir alle kennen, die wir alle verstehen, sind in der Tat Sprachportale. Ich kann dort anrufen und mit wenigen Worten bekommen, was ich will. Das ist natürlich besonders relevant für Menschen, die eingeschränkte Möglichkeiten haben, also z.B. nicht sehen können oder unterwegs sind und Informationen abrufen wollen. Oder stellen Sie sich vor, Sie sind im Ausland, kommen in eine Gefahrensituation und wollen aktuelle Nachrichten abrufen, was gerade dort gerade passiert und an wen Sie sich wenden können. So was ist möglich über Sprachportale.

VOICE COMMUNITY: Das wird möglich durch eine automatische Generierung von Daten aus einem Content-Management-System für ein Sprachportal, also die Transformation der Datenbestände in VoiceXML?

SÖREN STAMER: Genau. Das ist allerdings nur möglich, wenn Sie wirklich ein Multi-Channel-Content-Management-System haben, bei dem vorbereitet ist, die Informationen eben nicht als HTML-Seiten zu verwalten, sondern in ihrer semantischen Struktur. Dann können Sie aus dieser semantischen Struktur auch VoiceXML ableiten. Das machen wir z.B. mit Partnern wie Aperto und VoiceObjects. Sie können aus den gleichen Strukturen im System, aus den gleichen Informationen auch ein Sprachportal mit Sprachmenüs usw. ableiten. Sie legen also über die gleichen Informationsstrukturen unterschiedliche Navigationsstrukturen. Sie können dann festlegen, welche Inhalte Sie auf dem Voiceportal zugänglich machen wollen und die Informationen aussortieren, die zu lang sind oder nicht relevant.

VOICE COMMUNITY: Es geht also um mehr als nur das, was oft mit barrierefreiem Zugang zu Internet-Daten verbunden wird, um mehr als nur einen ?Reader?. Es geht um eine freie Navigation innerhalb der vorhandenen Contents im Voice-Kanal?

SÖREN STAMER: Es geht um eine freie Navigation. Es geht um Suchfunktionen. Es geht auch um Interaktion, dass Sie z.B. Dienste abonnieren können und per Voiceportal Dienste freischalten können.

VOICE COMMUNITY: Es kommt also noch ein Transaktionselement hinein?

SÖREN STAMER: Ja. Ich meine sogar, dass man plötzlich eine Mischung erlebt. Dass Sie also ein Handy haben, mit dem Sie im Internet browsen können, oder aber über ein Voiceportal einen Service anstoßen, meinetwegen einen Navigationsservice: ?Ich suche das nächste Restaurant.? Dieser Dienst kann Ihnen dann eine Landkarte oder mehrere Alternativen auf Ihr Device schicken, die Sie anklicken können. Das nennt sich ?Multi-Touchpoint?. Sie haben mehrere Berührungspunkte mit dem gleichen Service. Da spricht jemand oder ein Voiceportal mit Ihnen – parallel können Sie aber auch browsen.

VOICE COMMUNITY: Wäre ein Beispiel dafür, was T-Com auf der Cebit gezeigt hat, diese Telefonsäulen, in denen man sich Inhalte anzeigen lassen kann, die man aber durch Sprache steuert, weil gar keine Tastatur an der Telefonsäule vorhanden ist?

SÖREN STAMER: Ja, das geht in diese Richtung. Da hat man auch schon zwei Kanäle, in dem Fall ein Visualisierungskanal, aber das kann man auch schon als zwei Kanäle verstehen.

VOICE COMMUNITY: Wie schätzen Sie die Bedeutung des medienübergreifenden Publizierens für die Verbraucher ein, was ist wichtig für die Endkunden am medienübergreifenden Publizieren?

SÖREN STAMER: Für die Nutzer geht es darum, die Hürde zu senken, an Informationen zu kommen. Die Vision ist, dass ich jederzeit und überall intuitiv an diejenigen Informationen komme, die für mich relevant sind. Da hat das Internet schon sehr viel gebracht. Wenn Sie heute bei Google einen Suchtext eingeben, finden sie wirklich weltweit in allen möglichen Datenbeständen Informationen, die vielleicht für Sie relevant sind. Nur geht es jetzt darum, Google auch mit Sprache zu verbinden, denn Sprache ist das Universalste, was wir als Interaktions-Möglichkeit überhaupt haben. Sie brauchten beispielsweise in Afghanistan nur einen Telefonhörer, um im Web Informationen abzurufen. Da würde eine medienübergreifende Publikation sehr viel Sinn machen.

VOICE COMMUNITY: Was bedeutet das für Ihre Kunden, beispielsweise für Ministerien?

SÖREN STAMER: Ministerien sind für diese Barrierefreiheit natürlich besonders sensibilisiert und haben auch einen besonderen Auftrag. Wir arbeiten z.B. für das Auswärtige Amt, die in mehreren Sprachen weltweit alle möglichen Dienste anbieten. Diese Dienste sind teilweise sicherheitskritisch. Nachrichten, die Sie per Voice abhören können, dürfen nicht älter sein als die Nachrichten, die Sie im Internet einsehen können. Man möchte also, wenn eine Warnung erforderlich ist, diese auf allen Kanälen sofort aktuell haben. Es geht also auch um die Konsistenz von Informationen. Und mit einem integrierten Multi-Channel-Portal können Sie problemlos garantieren, dass in der Sekunde, in der Sie etwas ändern, dies auf allen Kanälen auch in dieser neuen Variante ausgespielt wird.

VOICE COMMUNITY: Ein medienübergreifendes Content Management System könnte auch eingesetzt werden z.B. für Warnsysteme wie Hochwasserwarnsysteme und ähnliches?

SÖREN STAMER: Ja. Das Auswärtigen Amt betreibt einen Reiseservice, um zu kommunizieren, wo gerade gewarnt wird vor Terror, Erdbeben usw. Das könnte soweit gehen, Menschen über ihr Handy zu orten. Menschen, die in einem Krisengebiet sind, könnte man über ein Portal erreichen, von dem diese Menschen aktiv angerufen werden: ?Achtung, Sie sind gerade in einem überflutungsgefährdeten Gebiet.? Dann findet Nachrichtenkommunikation auf einer Ebene statt, die alle Menschen auch verstehen, also auch Menschen, die nicht so Technologie-affin sind, denn ein Telefonat versteht jeder.

VOICE COMMUNITY: Durch eine Kopplung mit Location-Based-Services haben Sie eine ganz andere Trefferquote, Sie können die Informationen ja sehr genau an die richtigen Adressaten weiterleiten.

SÖREN STAMER: Die Relevanz ist natürlich per se da, wenn ich weiß, wo der automatisiert Angerufene ist.

VOICE COMMUNITY: Was sind denn die betrieblichen Vorteile, was gibt es für Geschäftsmodelle, die aus der Möglichkeit, medienübergreifend zu publizieren, entstehen?

SÖREN STAMER: Einige Geschäftsmodelle entstehen auf dem Gebiet des Verkaufens. Wir haben Kunden, die im Handelsbereich tätig sind und sich schon überlegen, wie können sie Impulskäufe verbessern. Wenn jemand eine Anregung bekommt an der S-Bahn oder an der Bushaltestelle, wie kann ich aus dieser Werbung sehr schnell einen Impulskauf generieren? Es geht darum, von dieser Anregung hin zum Verkauf keine Hürde zu lassen. Die Menschen lassen sich ja durchaus anregen, aber der Weg ins nächste Geschäft ist zum Teil sehr umständlich. Die kann man über Sprachportale absenken.

VOICE COMMUNITY: Könnte man auch das Fernsehen mit Sprachportalen koppeln und so das Homeshopping vereinfachen?

SÖREN STAMER: Ja. Das geht soweit, dass Sie selbst für das Handy-TV den ersten TV-Kanal verwalten, mit EPG plus Verschlüsselung der Inhalte. Sie können soweit gehen, ein interaktives TV sowohl auf dem Voiceportal als auch auf dem mobilen Portal als auch auf dem Fernseher selbst abzuwickeln. Das meint vom Begriff her ?Multi-Touchpoint?: Dass ich wirklich als Kunde identifiziert bin. Das System weiß, was mein Fernseher, was meine Telefonnummer und was mein PC ist. Ich kann mich nun als ein Nutzer identifizieren, werde automatisch wieder erkannt und wenn ich Präferenzen hinterlege, meinetwegen ?Ich mag besonders Jazz?, werde ich mit diesen Präferenzen überall versorgt. Ich kann es auf dem Fernsehkanal ansehen, kann es auf dem Mobilkanal bestellen und bekomme es auch auf den PC geliefert.

VOICE COMMUNITY: Ist das Zukunftsmusik oder gibt es das schon?

SÖREN STAMER: Witzigerweise haben wir das in 2002 einmal entwickelt und vorgestellt: Ein Multi-Touchpoint-Szenario mit Handy, Fernseher, Internet und Print. Das haben wir damals schon mit den Telekommunikationsanbietern besprochen und Vodafone z.B. als Kunden gewonnen. An diesen Kanälen wird gearbeitet. Es ist heute technisch möglich, es ist machbar, aber im Feld noch nicht wirklich etabliert. Noch kaum einer ist gegenwärtig soweit, aber es wird zweifelsfrei kommen, wenn Sie beobachten, wie schnell das Mobiltelefon an Bedeutung gewonnen hat.

VOICE COMMUNITY: Und dessen Einführung ist gerade mal gut zehn Jahre her.

SÖREN STAMER: Es ist erst gut zehn Jahre alt und mittlerweile sind es 1,8 Milliarden Menschen, die in so kurzer Zeit ein Mobiltelefon haben, obwohl es so teuer ist. Wir zahlen für SMS 2000 Euro pro MB in Deutschland, also unglaublich viel Geld für einen Service, der eigentlich ein Abfallprodukt ist. So gesehen scheint es so zu sein, dass das Telefon von uns allen als Teil der Persönlichkeit akzeptiert worden ist. Man lässt es nicht zu Hause, man nimmt es überallhin mit, man will es auf keinen Fall verlieren und man bezahlt munter die Rechnung, die da am Ende des Monats kommt. Und das als Kanal, um mit Menschen zu interagieren, eben auch um etwas zu verkaufen oder Informationen anzubieten, zu bewerben, Produkte abzurufen, Musik zu hören. Das wird noch einiges an unserer Wirklichkeit ändern.

VOICE COMMUNITY: Wo führt das denn hin? Was hat das für eine Bedeutung für die Medienlandschaft und für das Publizieren und die Publikationsformen?

SÖREN STAMER: Wenn man sich heute die Bloggs anschaut, dann machen Sie ja nichts anderes, als ihre Gedanken oder ihre Erlebnisse dort seriell zu dokumentieren. Meine Prognose wäre, da wir zukünftig beliebig viel Speicherplatz haben werden, praktisch in jedem Handy viele GigaBytes, und da zudem Bandbreite kein Problem mehr sein wird, dass man anfängt, mehr und mehr von seinem täglichen Leben automatisch mitzuschneiden. Also in Brillen z.B. Kameras einbaut und Gespräche mitschneidet. Daraus macht ein Spracherkenner einen Volltext-Index, und Sie können recherchieren, was sie damals besprochen haben. Das wird irgendwann passieren, so wie Google-Gmail, wo alle Emails in alle Ewigkeit archiviert werden. Es ist die Frage, ob man das will. Aber es ist nahezu zwangsläufig, dass es passiert.

VOICE COMMUNITY: Wo sind denn die Vorteile für die Content-Anbieter? Ist das ein Kosteneinsparthema? Geht es um Time-to-Publish? Geht es um Cross- und Upselling-Potenziale?

SÖREN STAMER: Alles drei denke ich. Also zum einen ist es Kostenersparnis, wenn ich die einzelnen Kanäle und die neuen Produkte, die ich entwickeln will, sehr, sehr schnell auf der gleichen Plattform entwickeln kann, ohne neue Technologie kaufen zu müssen. Das ist für einige der Player mittlerweile sehr relevant. Was noch relevanter ist, ist eigentlich die Frage, was ich an Innovationen generieren kann. Denn nichts wird so bleiben, wie es ist: Zeitungen werden nicht so bleiben, wie sie sind, das Internet wird nicht so bleiben, wie es ist. Sogar das Fernsehen wird sich weiterentwickeln müssen. Mit interaktivem TV, mit den Möglichkeiten, Dinge mitschneiden zu können oder sich auch im Internet einfach Inhalte runterladen zu können, wird sich die Landschaft verändern – und mit unserer Technologie kann man solche neuen Produkte schneller und einfacher realisieren. Innovationsfähigkeit ist also ein wesentlicher Bestandteil davon.

VOICE COMMUNITY: Haben Sie ein Case-Beispiel, wo der Sprachkanal schon integriert ist?

SÖREN STAMER: Sprache ist gegenwärtig bei den meisten Inhalteanbietern noch ein Testthema. Telekom experimentiert damit intensiv, und beim Auswärtigen Amt gibt es solche Projekte. Das sind wahrscheinlich die mit der aktuell größten Reichweite.

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