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Sprachautomatisierung in der Industrie: Reichlich Potenzial für Innovatoren!

Die Industrie ist die Wiege aller Automatisierung ? sie begann mit der Dampfmaschine, führte über das Fließband bis hin zur Roboterfertigung, wie sie heute weithin üblich ist. Warum also setzt die moderne Industrie die Automatisierungspotenziale der Sprachtechnologie nicht für Ihre Zwecke ein?

Die Antwort auf diese Frage ist zunächst überraschend: Sicher gibt es Industrieunternehmen wie VW oder Mercedes-Benz, die auf multimodale Handbücher für die Kunden respektive Personal Assistants für die Mitarbeiter setzen. Sprachanwendungen, die im Fertigungsprozess zur Anwendung kommen, sind auch Experten zumindest in Deutschland nicht bekannt.

Dafür werden mehrere Gründe angeführt:

So stehe die vorherrschende Mentalität der Industrie, Maschinenprozesse einzurichten und sie zu steuern, dagegen, sich umgekehrt selber von einer Maschine, hier einem Sprachcomputer, steuern zu lassen. Die Einsicht, dass maschinelle Prozesse erfolgreich Menschen ?steuern? statt umgekehrt, müsse sich erst durchsetzen.

Hinzu komme die Nebengeräuschkulisse in der produzierenden Industrie, die den Einsatz von Sprachverarbeitung problematisch mache.

Und natürlich sprächen auch demographische Fakten gegen eine Sprachautomatisierung in der Industrieproduktion: Mitarbeiter sprechen häufig Dialekt, manchmal nur Fremdsprachen wie Türkisch oder Arabisch oder lediglich rudimentäres Deutsch.

Spezialisten wie das Hamburger Unternehmen ZetesIND weisen diese Argumente jedoch als nicht stichhaltig zurück. Das Unternehmen hat in mehr als 50 Projekten für Kunden wie die Metro, die Netto-Gruppe und andere Handelsunternehmen Sprachautomatisierung in den Lägern eingeführt. Statt wie bisher werden dort Lieferungen heute nicht per Terminal (eine Art PDA für den Lageristen) kommissioniert, sondern per Sprachbefehl und ?bestätigung mit sogenannten Pick-by-Voice-Systemen (vgl. auch Glossar). Im Lebensmittelhandel, wo die Verderblichkeit von Produkten hoch ist, wirke sich das nach Angaben des Unternehmens durch deutlich gesunkene Fehlerraten besonders positiv aus. Weil die Lageristen Augen und Hände frei haben, können sie sorgfältiger packen, ein ein-eindeutiges Bestätigungssystem macht Fehlladungen fast unmöglich. Dabei gehe es nicht um Kostensenkung oder Arbeitszeitverkürzungen, das wichtigste Erfolgsmerkmal für die Unternehmen sei schlicht die Senkung der Fehlerraten.

Pick-by-Voice-Lösungen funktionieren den oben angeführten Problemstellungen zum Trotz: Laut den Experten der ZetesIND seien z.B. Nebengeräusche kein Ausschlusskriterium mehr für Spracherkennung. Bisher habe man es noch immer vermocht, durch entsprechende Filtertechnologie die Spracherkennung auf ein Niveau zu heben, das ein fehlerfreies Arbeiten ermöglicht. Gleiches gelte auch für die babylonische Sprachenvielfalt in den Lägern: Pick-by-Voice-Systeme sind multilingual ? bis zu 27 Sprachen seien z.B. mit den Voice-Terminals des Weltmarktführers VoCollect darstellbar.

In der Praxis sieht das dann so aus, dass jeder Lagerist zunächst sein Sprachprofil auf einem zentralen Server abspeichert. Tritt er seine Schicht an, nimmt er sich ein beliebiges Pick-by-Voice-Gerät aus dem Regal, loggt sich ein und initiiert so automatisch das Hochladen seines persönlichen Profils. Dementsprechend kommuniziert er mit dem Warenwirtschaftssystem dann auf Türkisch, Schwäbisch oder auf Hochdeutsch. Auch die idiosynkratischen Besonderheiten des Lageristen werden von dem System berücksichtigt.

Neben diesen funktionalen Aspekten muss eine Pick-by-Voice-Anwendung natürlich auch organisatorische und prozessuale Gegebenheiten abdecken können. Wichtig ist , dass die Dialogverläufe den Arbeitsprozess wiedergeben und eine robuste Integration des Systems in die Warenwirtschaft durch standardisierte oder proprietäre Schnittstellen oder entsprechende Middleware.

Hierin liegen Chancen und Herausforderungen für das Unternehmen: So konnten manche Unternehmen ihre Kommissionierung durch Pick-by-Voice problemlos von der Zettelwirtschaft in ein automatisiertes Warenwirtschaftssystem überführen. Andere Unternehmen setzen Voice- und Terminal-Systeme gleichberechtigt ein ? der Lagerist hat dann die Wahl, mit welchem Tool er seine Arbeit tun möchte. Oft komme es im Zuge der Integration von Sprachlösungen auch zur Reorganisation von Prozessen, die sich positiv auf den Geschäftsprozess auswirkt.

In der Industrie interessiert sich derzeit vor allem die Automobilbranche für Pick-by-Voice-Lösungen. Doch es sind auch ganz andere Szenarien für den Einsatz von Sprachlösungen denkbar:

So könnte Sprachtechnologie Monteure in Handsfree-Umgebungen unterstützen: Man stelle sich einen Rollgang oder Förderanlagen vor, die Wartung erfordern. Per Sprachbefehl könnten die Monteure, auch wenn sie keine Hände frei haben, das Band starten, stoppen oder zurücklaufen lassen, ohne aus der Förderanlage heraus kriechen und zum Terminal zurückgehen zu müssen.

Wartungstechniker könnten während der Reparatur Ersatzteile per Sprachbefehl ordern, sprachgesteuert multimodale Bedienungs- oder Reparaturhandbücher ?einsehen? oder ihren Tagesrapport übermitteln. Weitere vielversprechende Anwendungsszenarien sind z.B. die Speech Enabled Field Force Automation oder sprachgesteuertes Workflowmanagement.

Doch trotz der Erfolge einiger weniger Pioniere herrscht Ruhe im Markt. Laut Datamonitor hat selbst der Vorreitermarkt Pick-by-Voice bisher erst ein weltweites Volumen von nur 70 Mio. US$. Das bietet Raum und Geschäftspotenziale für Innovatoren aus der Voice-Branche. Denn eigentlich ist nicht nachvollziehbar, dass eine Branche, die weltweit jährlich über eine Billion Dollar in Automatisierungslösungen investiert, nicht auch auf Sprachautomatisierung setzt.

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