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Sprachbiometrie: Wachstumsfeld oder Nischenprodukt?

Zugangskontrollen durch biometrische Merkmale wie Fingerabdruck, Gesicht, Iris, Stimme oder Tastenanschlag werden bereits heute erfolgreich in Deutschland eingesetzt. 26 deutsche Referenz- und Pilotprojekte stellt der BITKOM in seiner aktuellen „Broschüre Biometrie“ vor: „Ob im privaten, geschäftlichen oder hoheitlichen Umfeld: Biometrische Lösungen verbinden Erleichterung im Alltag, einfache Handhabung und Kosteneffizienz mit einem Höchstmaß an Sicherheit“, sagt Prof. Dieter Kempf, Mitglied des BITKOM-Präsidiums. Der Vorteil biometrischer Verfahren gegenüber herkömmlichen Technologien: Während Ausweise oder Passwörter vergessen, gestohlen, gefälscht oder bewusst weitergegeben werden können, sind Fingerabdruck, Iris, Gesicht oder Stimme untrennbar mit der Person verbunden.

Doch nur zwei der vorgestellten 26 Anwendungen setzen auf Sprache als biometrisches Erkennungsmerkmal. Warum nimmt Sprachbiometrie innerhalb des biometrischen Dienstespektrums nur eine solch kleine Rolle ein?

Dafür gibt es verschiedene Gründe, die allerdings zumeist historischer Natur sind; also als überholt gelten können:

Noch vor wenigen Jahren war es aufgrund der Rechenkapazität und –geschwindigkeit der vorhandenen Serverarchitekturen nicht möglich, große Datenbestände von Voice Prints, wie sie in Konsumentenanwendungen entstehen würden, in akzeptabler Zeit gegen eine Stimme abgleichen zu lassen. Das führte dazu, dass sprachbiometrische Anwendungen zunächst nur im internen User Helpdesk von Unternehmen für eine begrenzte Anzahl von Nutzern angeboten wurden wie etwa bei der Volkswagen Bank. Dort wurden zunächst Stimmprofile für knapp 3.000 Nutzer „händisch“ von Werkstudenten angelegt, wodurch zwar größtmögliche Sicherheit beim Enrolment erreicht werden konnte, andererseits aber auch der Prozess recht kompliziert wurde.

Mittlerweile ist die Zahl der Nutzer eines sprachbiometrischen Systems kein begrenzender Faktor mehr – Netzbandbreiten ebenso wie Prozessorgeschwindigkeiten und Rechenkapazitäten haben sich vervielfacht, während gleichzeitig die Modelle der zugrundeliegenden Voice Prints so verfeinert werden konnten, dass auch zehntausende Nutzer die Rechenzentren nicht mehr „in die Knie zwingen“ können: Das sprachbiometrische Self Service-Portal der Volksfürsorge, in dem zehntausende Aussendienstmitarbeiter Millionen Abfragen vertraulicher Kundeninformationen im Jahr abwickeln, zeigt eindrucksvoll, welche Lasten Sprachbiometrieanwendungen bewältigen können.

Noch größere Anrufvolumina bewältigt das derzeit weltgrößte Sprachbiometriesystem für Endkunden, das Bell Canada, der größte Mobilfunkanbieter Kanadas, unlängst launchte: Diese Implementierung bedient alle interessierten Kunden der Festnetz-, Mobilfunk-, Internet-, TV- und VoIP-Sparten des Unternehmens. Das Enrolment erfolgt durch einen einmaligen Anruf des Kunden beim System, bei dem er lediglich den Satz „At Bell, my voice is my password!“ zweimal zu wiederholen braucht. Will er danach etwa seinen Kontostand abfragen, spricht er diesen Satz einmal ins Telefon und wird bei positiver Identifikation an den Agenten weitergeleitet, der auf seinem Bildschirm einen entsprechenden Vermerk sieht und dann die gewünschten Informationen weitergibt. Das kommt gut an bei der Kundschaft: über 16.000 Anmeldungen pro Woche summieren sich zu einer Nutzerbasis von über 300.000 registrierten Teilnehmern – und beweisen eindrucksvoll, dass Sprachbiometrie Massenmarkt tauglich geworden ist.

Solche Anwendungen illustrieren hervorragend die wesentlichen Alleinstellungsmerkmale der Sprachbiometrie gegenüber anderen biometrischen Systeme:

1. Sprachbiometrische Systeme sind ortsunabhängig (ubiquitär) und bieten ihren Nutzern, unterwegs, zu Hause, beim Kunden (sprich: in allen Lebenslagen) den Zugang zu der geschützten Anwendung. In Kombination mit einer dahinterliegenden Sprachanwendung werden so sicherheitsrelevante Dienste ortsunabhängig verfügbar – ein entscheidender Mehrwert gegenüber allen anderen Biometriesystemen, die die Präsenz des Nutzers an einem Sensor erfordern.

2. Die Sensorik, die erforderlich ist, um sprachbiometrische Dienste anbieten zu können, ist im Gegensatz zu anderen biometrischen Technologien buchstäblich überall verfügbar: Statt eines Fingerabdrucksensors oder einer Kamera für die Gesichts- oder Iriskontrolle braucht Sprachbiometrie nur ein Mikrofon, wie es in jedem Telefon – ob DECT, GPRS oder GSM – eingebaut ist. Dadurch kann auch das Enrolment ortsunabhängig erfolgen – der Nutzer kann sich an jedem beliebigen Ort für die Nutzung registrieren – und muss nicht wie z.B. beim Fingerabdruck persönlich erscheinen, um einen Voice Print abzugeben. Der Anbieter eines sprachbiometrischen Systems nutzt also eine vorhandene, für ihn kostenlose Infrastruktur, was sich positiv auf die Enrolment- wie die laufenden Transaktionskosten auswirkt.

3. Um sich einer sprachbiometrischen Anwendung bedienen zu können, muss der Nutzer weder sein Foto noch seinen Fingerabdruck hinterlassen. Auch wenn die Stimme für heutige Biometrieverfahren ebenso unverwechselbar ist wie z.B. der Fingerabdruck, haben viele Nutzer dennoch weniger Vorbehalte dagegen, ihre Stimme in ein System einzusprechen, als einen Fingerabdruck zu hinterlassen – dem Fingerabdruck haftet nach wie vor etwas „kriminelles“ an; Nutzer haben häufig diffuse Ängste und starke Vorbehalte dagegen, sich den Finagerabdruck nehmen zu lassen.

Sprachbiometrie ist – insgesamt betrachtet – ein starkes Wachstumsfeld innerhalb der ITK-Märkte: Roland Berger etwa erwartet für die kommenden Jahre ein Wachstum von über 20% per annum. Dies liegt vor allem daran, dass Sprachbiometrie eine hohe Querschnittsrelevanz hat, und branchenübergreifend insbesondere in allen Bereichen der IT-Sicherheit einsetzbar ist, wie bei der Zugangskontrolle zu Netzwerken, Datenbanken und natürlich mobilen Diensten aller Art. Auch auf dem Gebiet der Zugangs- und Anweseheitskontrolle sind sprachbiometrische Lösungen für viele Branchen relevant.

Sprachbiometrie wird derzeit am intensivsten von Banken und Call Centern eingesetzt. Diese Branchen verfügen über weit ausgebaute Sprachdialogsysteme und eine Kundenbasis, die den Umgang mit Sprachcomputern gewohnt ist. Das erlaubt eine vergleichsweise einfache Integration von Sprachbiometrie, die in diesen Fällen neben Sicherheit auch ein Mehr an Nutzerkomfort bringt und so eher Akzeptanz findet als andere biometrische Systeme.

Die Basis für die weitere Verbreitung von Sprachbiometrie ist also vorhanden. Der Grad des weiteren Marktwachstums wird zukünftig vor allem davon abhängen, ob die hiesigen Anbieter, derzeit alles kleine Spezialisten, durch Marktkonsolidierung in größeren Konzernen aufgehen und so ihre „Schlagkraft“ erhöhen können, ob die Bevölkerung die zunehmende Biometrisierung ihrer Lebenswelten weiterhin zulässt und wie sich die vergleichsweise strengen Datenschutzregeln hierzulande entwickeln werden: Im günstigsten Falle, so die Analysten von Roland Berger, könnte das Wachstum des deutschen Marktes für Sprachbiometrie das globale Niveau übersteigen und der Markt für Sprachbiometrie schon 2010 ein Volumen von etwa 80 Mio. Euro erreichen – und sogar einige wenige Hundert Arbeitsplätze für Sprachbiometriefachkräfte schaffen.

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